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Der Wechsel zurück zu Fiatwährungen

02/07/2019

Integration von Blockchain, Tokens und Kryptovermögenswerte in bestehende Finanzwelten: Wie sieht es mit der rechtlichen Situation und Compliance aus?

Um ein echter Erfolg zu sein, wird die Blockchain-Innovation, die Token und Kryptovermögenswerte ins Dasein gerufen hat, in die bestehenden Finanzwelten integriert werden müssen. Reine Spieler oder Krypto-Start-ups müssen die rechtlichen Anforderungen erfüllen, um ihre digitalen Vermögenswerte in die Wirtschaft zu integrieren, und Finanzinstitute werden erst dann mit diesen neuen Vermögenswerten interagieren können, wenn die Rechtslage klar ist. Die jüngst in Frankreich und Luxemburg verabschiedeten Gesetze sind die ersten Säulen dieser Entwicklung.1.

Heute sind immer mehr Banken daran interessiert, Kunden aus diesem neuen Ökosystem zu akquirieren. Unternehmen, die ein erfolgreiches ICO (Initial Coin Offering) durchgeführt haben, müssen ein Konto eröffnen, um Löhne und Lieferanten zu bezahlen. Kryptomillionäre, die sich mit ihren Gewinnen ein Haus kaufen möchten, müssen einen Onboarding-Prozess durchlaufen und die Compliance-Vorschriften der Bank befolgen.

Für die Kryptowelt gelten die gleichen Regeln wie in der Fiatwelt: Nach dem traditionellen KYC- (Know Your Customer) Prozess muss die Bank Überprüfungen zur Mittelherkunft sowie zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung vornehmen. Diese Regeln wurden für Kryptowährungen spezifiziert: mit der 5. europäischen Geldwäsche-Richtlinie wurden speziell für Kryptowährungen neue Verpflichtungen zur Unterbindung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung eingeführt, die sogenannten KYT-Anforderungen (Know Your Transaction).

Heute implementieren die ersten Banken diese neuen Prozesse. Sie müssen all die neuen Transaktionsflüsse verstehen, um neue Verfahren zu definieren. 

Transaktionen in einer Blockchain – zum Beispiel für Bitcoin – sind öffentlich, aber anonym, da in der Blockchain keine Namen gespeichert werden und nur Adressen sichtbar sind. Unternehmen wie Scorechain bieten leistungsstarke Analysetools an, mit denen sich Transaktionen verfolgen und Adressen zu sogenannten Clustern zusammenfassen lassen. Die gewonnenen Daten ermöglichen es, die Aktivität in der Kette zu analysieren und zu überprüfen, ob die Mittelherkunft den Angaben des Kunden entspricht. Dies ist jedoch alles andere als einfach, da es sehr viele Interaktionen mit Transaktionen außerhalb der Kette geben kann.

Nehmen wir zum Beispiel eine Person, die 1 Million € überweisen möchte und angibt, dieses Geld stamme aus dem Verkauf von 250 Bitcoins mit einem durchschnittlichen Wert von je 4.000 €.

Was wäre der Onboarding-Prozess, den der Compliance-Beauftragte durchführen müsste, bevor er dieses Geld annehmen kann?

Bitcoins können aus verschiedensten Quellen stammen: aus rechtmäßigen Tätigkeiten wie Handel, Mining oder Einnahmen (Zahlungen für erlaubte Dienstleistungen), aber auch aus illegalen oder nicht gemeldeten Aktivitäten (wie aus Verkäufen verbotener Waren im Darknet oder aus Ransomware).

Wenn der Kunde Coins an einer Börse gehandelt hat – sagen wir, er hat vor drei Jahren 1.000 € investiert und die Coins später mit einem zehnfachen Gewinn verkauft –, muss er die Überweisung von seinem Bankkonto an die Börse, die der Investition von 1.000 € entspricht, und das Transaktionsprotokoll der Geschäfte, die er über die Börse getätigt hat, vorzeigen. Das könnte sehr kompliziert sein, wenn er in der Zwischenzeit in verschiedenen Kryptowährungen oder Token gehandelt hat.

Je nach den Steuerregeln, die für den Kunden gelten, muss er vielleicht auch nachweisen, dass alle Steuererklärungen abgegeben und bezahlt wurden.

Wenn sich die Coins von Wallet zu Wallet bewegt haben, sollten wir auch überprüfen, dass diese Wallets dem Kunden gehören, und ihn bitten, den privaten Schlüssel der Wallets zu signieren und nachzuweisen, dass er deren Eigentümer ist. Auch hier können fortgeschrittene Blockchain-Explorer den gesamten Transaktionsfluss verfolgen, Wallets erkennen und Interaktionen mit anderen Börsen oder etwa Mixing-Anbietern aufzeigen.

Bei Bitcoins aus Mining ist es relativ einfach, die Herkunft der Coins nachzuvollziehen, da sie im Transaktionsblock als neu geschürfte Coins erscheinen, die als Belohnung ausgegeben werden. Das gilt für individuelles Mining. Schwieriger gestaltet sich die Überprüfung, wenn die Coins aus Mining Pools oder Mining-Diensten stammen, bei denen der Benutzer nicht die neuen Coins direkt erhält, sondern einen Teil der Mining-Vergütung, die aus einem Wallet kommen kann, das dem Dienst gehört. In diesem Fall müssen zusätzliche Prüfungen vorgenommen werden, um die Mining-Tätigkeit zu analysieren.

Eine weitere mögliche Quelle von Coins ist die Bezahlung von Waren oder Dienstleistungen, wobei wir die Zahlung mit den entsprechenden Rechnungen oder Bestellformularen abgleichen und überprüfen müssen, ob eine gegebenenfalls anwendbare Umsatzsteuer berechnet und bezahlt wurde und ob der Wert der Waren oder Dienstleistungen im Hinblick auf historische Wechselkurse zur Fiatwährung stimmig ist. Womöglich ist auch zu prüfen, ob die Dienstleistung oder Ware tatsächlich erbracht bzw. geliefert wurde.

Doch die Mission der Compliance-Abteilung besteht eigentlich darin, die von einem Kunden erzählte Geschichte zu überprüfen, statt zu versuchen, die Mittelherkunft ohne Informationen von ihren Kunden herauszufinden. Die Abteilung muss Dokumente außerhalb der Kette und Daten in der Kette miteinander abgleichen und dann je nach Risikostufe entscheiden, ob die Gelder des Kunden angenommen werden können.

Und schließlich sollte Compliance nicht nach dem Onboarding enden. Es könnte eine fortlaufende Überwachung der Wallets erforderlich sein; der Kunde könnte während des Onboarding-Prozesses zur Validierung von Coins einige Transaktionen vorgezeigt haben und während der Auszahlungen, wenn diese über einen längeren Zeitraum erfolgen, die Finanzierungsquelle wechseln. Zum Beispiel bietet Scorechain die Erstellung automatischer Alarmmeldungen an, die ausgelöst werden, wenn neue Transaktionen erkannt werden oder sich die Risikobewertung der Wallets ändert.

Heute implementieren die ersten Banken diese neuen Prozesse.

Sie müssen all die neuen Transaktionsflüsse verstehen, um neue Verfahren aus Aktivitäten in und außerhalb der Kette zu definieren und um sie in die bestehende Infrastruktur zu integrieren. Das Aufkommen stabiler Coins ist ein weiterer Schritt, der die Interaktion von Kyptovermögenswerten mit der traditionellen Finanzwelt erleichtern wird.

PIERRE GÉRARD

begann seine Unternehmerlaufbahn im Jahr 2000 und war einer der Mitbegründer von Jamendo. Seit 2014 interessiert er sich für Bitcoins und Blockchain. Er erstellte eines der ersten mobilen Bitcoin Wallets für iOS (Yallet) und zählte im Jahr 2015 zu den Gründern von Scorechain. Pierre Gérard hat einen Master in Computerwissenschaft.

(1) European Blockchain Partnership (EBP) and European Blockchain Services Infrastructure (EBSI), April 2018.

 

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