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Transferstellen: Vom Aussterben bedroht?

30/11/2018

Der disruptive Einfluss von Technologien macht sich bei der Fondszeichnung – bzw. bei der Transferstelle – noch viel stärker bemerkbar als in anderen Bereichen der Fondsindustrie.

Nicholas Pratt spricht mit einem aktuellen disruptiven Vertreter und verschiedenen Transferstellen. Die Transferstelle – der Bereich der Fondsindustrie, der die Anteilszeichnungen und -rücknahmen verwaltet und wo manuelle Prozesse noch dominieren – ist ein Versuchsfeld geworden, an dem sich ablesen lässt, wie alteingesessene Unternehmen (oder könnte man sie „Dinosaurier“ nennen?) sich an disruptive Technologien anpassen werden. Dass Transferstellen in einer Zeit, in der die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) oder die Blockchain auf dem Vormarsch sind, immer noch auf Faxe zurückgreifen, spricht dafür, dass traditionelle Transferstellen (TS) möglicherweise die ersten „Fintech-Opfer“ sein werden. (Der Fairness halber: Nach Meinung der TS sind es natürlich die Asset Manager oder Distributoren, die noch am Faxgerät hängen.) In den letzten Monaten sind neue Akteure auf den Markt gedrängt. Ihre agile Infrastruktur macht sie ihrer Ansicht nach zu einem interessanteren Partner für Fondsmanager, weil sie Kosten senken und den Kunden der Fondsmanager ein besseres Erlebnis verschaffen können.

Im Mai wurde Target Group, der Anbieter für Geschäftsabwicklungslösungen, zur neuesten disruptiven Gefahr, als das Unternehmen ankündigte, eine Partnerschaft mit dem Softwareunternehmen Bravura Systems einzugehen, und eine sogenannte

„verbesserte digitale Servicelösung“ für Wertpapierfirmen am TS-Markt einführen zu wollen. „Dank der Unterstützung durch unsere Muttergesellschaft Tech Mahindra verfügen wir auch über die nötige Größe und das technische Know-how, um frischen Wind in einen Markt zu bringen, der von wenigen Anbietern dominiert wird“, so Mike O’Connor, Investment Client Director bei Target Group.

Die Partnerschaft mit Bravura beruht auf einem digitalen Overlay mit mobilen Self-Service-Optionen für Investoren, erklärt O’Connor: „Es zeichnet sich ab, dass sich die Branche in diese Richtung entwickeln wird, und wenn man sich darauf einlässt, kann man Kosten sparen, Fehler vermeiden und dem Kunden sowie den Investoren einen besseren Service bieten.“ Finanzielle Dienstleistungen sind generell im Umbruch, weil Anbieter ihre schwerfälligen Altsysteme aufgeben und neue Lösungen und Dienste nutzen wollen, dank denen der Kunde bessere Ergebnisse erzielen kann, fügt O’Connor hinzu.

„Am TS-Markt ist die Situation nicht anders. Das traditionelle Modell ist im Wandel und entwickelt sich von einem sehr arbeitsaufwändigen und bürokratischen Prozess zu einem virtuellen Service, bei dem nur noch wenige Schritte manuell erfolgen. Neue Akteure sind wahrscheinlich flexibler und können besser auf die Kundenanforderungen eingehen, weil sie sich nicht mit problematischen Altsystemen auseinandersetzen müssen. Technologien fördern den Kunden-Self-Service, und man wird bald einen Punkt erreichen, an dem sich virtuelle TS-Anbieter mit minimalem Personalbedarf zur Bearbeitung von Anfragen am Markt etablieren. Das ist letztendlich das Ziel.“

Heißt das etwa, dass es keine TS mehr geben wird?

Die Aussicht auf eine Disintermediation der herkömmlichen TS-Dienste wurde durch den Markteintritt eines neuen Akteurs noch bedrohlicher: Iznes. Diese Registerführungsplattform mit Sitz in Frankreich nutzt Technologien von Setl, ein seit April 2017 bestehendes DLT-basiertes Projekt. Im November 2017 schloss der in Paris ansässige Asset Manager OFI Asset Management erfolgreich eine Testphase ab, in der Zeichnungen und Rücknahmen von Fondsanteilen über Iznes abgewickelt wurden. Interessant ist, dass keine TS daran beteiligt war. Die Iznes-Plattform umfasst derzeit 25 europäische Asset Manager mit einem verwalteten Gesamtvermögen von mehr als 5 Billionen Euro.

Für in Frankreich und Luxemburg domizilierte Fonds soll die Plattform Ende September in Betrieb gehen. Die Plattform bietet fünf Dienstleistungen an: KYC (Know-your-Client)-Verarbeitung, Product-Governance-Dienstleistungen (auch bekannt als „Know your Product“), die Ausgabe und Rücknahme von Fondsanteilen, ein Steuermodul für Investoren und Corporate Actions Management. Laut Peter Randall, dem Geschäftsführer von Setl, ist die Iznes-Plattform vor allem aufgrund des DLT-Aspekts einzigartig, dank dem Fondsmanager direkt auf die Registerführungsplattform zugreifen und damit die TS umgehen können. Laut Randall überzeugt sein Angebot die Fondsmanager mit Kostenreduzierungen und Innovation in einem Bereich „dessen Tätigkeiten in eine Sackgasse führen – denn sie sind teuer, langsam und nicht transparent genug“. Er räumt ein, dass die etablierten TS zwar darauf reagieren werden, sich aber wegen ihrer veralteten Technologien, auf denen ihre Plattformen basieren, so einigen Schwierigkeiten gegenübersehen werden.

„Die TS haben mehrfach behauptet, dass sie dies auch allein bewältigen können. Sie haben sich selbst davon überzeugt, dass sie sehr gute Arbeit leisten. Wenn Sie recht haben, stellt sich allerdings die Frage, warum so viele Asset Manager bei unseren Meetings auftauchen und neue Ideen vorschlagen.“

Er bezweifelt auch, dass etablierte TS in der Lage sein werden, ihre eigenen Blockchains oder DLT-basierten Plattformen zu entwickeln. „Die meisten vorhandenen Projekte nutzen Technologien, die nicht gesetzlich zugelassen sind, zum Beispiel Technologien wie Ethereum. Regulierungsbehörden wollen ein sicheres und rechtlich einwandfreies Umfeld.“ Randall zufolge besteht das andere Problem in der Leistungsfähigkeit.

 

 

Selbst wenn sich für die Technologie in irgendeiner Weise ein rechtlich zulässiges Umfeld schaffen ließe, wäre die Leistung vermindert und zu begrenzt, um die Tagesvolumina zu bewältigen. Unsere Plattform kann dagegen Zehntausende von Transaktionen pro Sekunde verarbeiten.“ Die etablierten TS sind trotz allem optimistisch und rechnen nicht damit, dass sie in naher Zukunft aus dem Markt gedrängt werden. „Ich glaube nicht, dass die Rolle der TS vollständig obsolet sein wird, und zwar aus einem Grund – wegen aufsichtsrechtlicher Anforderungen wie MiFID II

Sarj Panesar
Global head of business development for asset managers

Die Umsetzung von aufsichtsrechtlichen Anforderungen könnte sich – genau wie die dafür notwendige Technologie – verändern, aber die Pflicht zur Führung eines Registers, zur Schaffung von Transparenz über die einzelnen Anteilseigner und zur Einhaltung der Know-your-Client-Regeln sowie der Vorschriften zur Geldwäschebekämpfung wird bestehen bleiben. Panesar führt in diesem Zusammenhang an, dass SGSS an der OFI-Testphase auf der Iznes-Plattform beteiligt war, wobei SGSS als Depotstelle auftrat und Fondsaufträge beim Zentralverwahrer (Euroclears ESES-System) registrierte. Panesar bestreitet nicht, dass DLT dafür sorgen wird, dass sich die Technologien verändern werden, die bei TS-Prozessen zum Einsatz kommen, allerdings muss es nicht unbedingt zu einer Disintermediation kommen. „Wir haben gezeigt, dass sich der Prozess durch DLT-Funktionen verbessern lässt, und möglicherweise kann das Register künftig auf DLT-Technologie basieren – wobei aus meiner Sicht nur die Technologie ersetzt wird, denn die TS wird es meiner Meinung nach auch in Zukunft geben.“

TS-Leistungen bleiben ein Kernbestandteil der Wachstumsstrategie vieler Asset-Dienstleister. So hat Citi beispielsweise in ihr TS-Angebot investiert und es in ihre digitale Plattform Velocity Clarity integriert. Zudem investiert Citi in eine stärkere Automatisierung der Registerprozesse, erklärt Pervaiz Panjwani, Regional Head of Custody and Fund Services im Unternehmen. Laut Panjwani wissen Citi und andere Asset-Dienstleister aber auch, dass der Bereich Register- und Buchführung im TS-Prozess zunehmend standardisiert wird und somit anfällig für den Markteintritt neuer Akteure ist, vor allen durch DLT-basierte Dienste wie Setl/Iznes und FundsDLT (ein Projekt aus Luxemburg, an dem KPMG, Fundsquare und InTech, ein Fintech-Unternehmen, beteiligt sind). Daher haben sich bereits einige TS mit dem Gedanken angefreundet, die Register- und Buchführung den neuen Marktteilnehmern zu überlassen und sich stattdessen auf Datendienste zu konzentrieren, die die Manager bei der Einhaltung neuer Product-Governance-Anforderungen unterstützen, ihnen einen besseren Einblick in das Anlageverhalten der Kunden verschaffen und den Vertrieb in neuen und aufstrebenden Märkten fördern. Für die Branche besteht die Herausforderung darin, diese vormals integrierten Leistungen erfolgreich zu segmentieren und sicherzustellen, dass die Asset Manager und Investoren nicht durch den digitalen Wandel belastet werden, sondern von verstärkter Innovation und attraktiveren Angeboten im TS-Bereich profitieren können.

„Wir müssen gewährleisten, dass unsere Datenstrategie sich an den Distributoren und Kundenkanälen orientiert und wir noch umfassendere Daten anbieten können, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten“, so Panjwani

„Wir müssen außerdem einen strategischen und proaktiven Austausch mit den Fintechs und Innovatoren anstreben, damit unsere Plattformen zusammenarbeiten können und sich unsere Serviceangebote ergänzen.“ Citi hat in einige dieser neuen Plattformen wie Setl investiert und zeigt damit ihre Bereitschaft, mit Drittanbietern zusammenzuarbeiten. Das gilt auch für andere Asset-Dienstleister. „Hochschulforschungszentren, Branchenpartnerschaften und -konsortien, Co-Creation-Initiativen und Pilotprojekte mit Kunden, Versuche, Prototypanfertigung und Entwicklung sind für TS entscheidend, um sich auf eine digitale Zukunft vorzubereiten“, sagt Cristina Ferreira, Head of Regulatory Solutions and Innovation bei State Street Luxembourg.

Aber stimmt die Größenordnung?

Etablierten TS könnte auch zugutekommen, dass es noch eine Weile dauern wird, bis DLT als Großtechnologie akzeptiert wird, meint Paul Stillabower, Global Head of Product Management bei RBC Investor & Treasury Services. „Die Herausforderung im TS-Prozess besteht darin, dass trotz einiger ineffizienter Berührungspunkte und manueller Eingriffe so viele Anlegerdaten in den Service integriert sind, dass er nicht einfach auf eine DLT-Plattform übertragen werden kann – es sei denn, die Technologie ist absolut sicher. Sicherheitsbedenken irgendeiner Art sind nicht vertretbar“, sagt er. „Daher sehen es Asset Manager natürlich lieber, wenn Banken die Rolle der TS übernehmen. Start-ups haben nicht die nötigen bilanziellen Voraussetzungen, um ihre Vermögenswerte zu schützen, wenn irgendetwas schiefgeht. Diese Governance-Themen bremsen im Endeffekt die digitale Transformation.“ Als Reaktion auf diesen Punkt erwidert O’Connor von Target Group: „Ja, die Ressourcen der Start-ups sind auf jeden Fall ein Thema. Das trifft jedoch nicht auf unseren Transferstellenservice zu.“

Wir betrachten ihn vielmehr als natürliche Erweiterung unseres bestehenden Servicing-Angebots, mit dem wir bereits großen Banken und Finanzinstitutionen zur Seite stehen und der durch die Größe und solide Bilanz von Tech Mahindra unterlegt ist.

Mike O'Connor
Investment client director at Target Group

Zugleich sind sich Banken und Asset-Dienstleister bewusst, dass sie nicht alles selbst entwickeln müssen, meint Stillabower. Beispielsweise entwickeln sie nicht ihre eigenen Fondsbuchhaltungs- oder Custody-Systeme. In einem denkbaren Zukunftsmodell für den TS-Markt bleibt die übergeordnete Beziehung zwischen Asset-Dienstleister und Asset Manager weiter bestehen, aber der Dienstleister beauftragt einen Anbieter oder Dritten mit dem Registerprozess. Eine aktuelle Entwicklung spricht für dieses Szenario: die sich wandelnde Beziehung zwischen Fintechs und etablierten Marktteilnehmern, so Stillabower.

„Vor zwei Jahren war die Überheblichkeit noch groß, aber inzwischen hat man realisiert, dass die etablierten Akteure über die Kunden und die Ressourcen verfügen. Außerdem ist man dazu übergegangen, nicht mehr auf der Basis von gefundenen Problemen Lösungen zu entwickeln, sondern gezielt nach konkreten Problemen zu suchen, für die anschließend die beste Lösung ermittelt wird.“

Fonds Europa, September 2018

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